{"id":11386957,"date":"2009-04-15T00:00:00","date_gmt":"2009-04-14T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/alertdiver.eu\/unkategorisiert\/die-suche-nach-der-krankheitsursache\/"},"modified":"2009-04-15T00:00:00","modified_gmt":"2009-04-14T22:00:00","slug":"die-suche-nach-der-krankheitsursache","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alertdiver.eu\/de_DE\/artikel\/die-suche-nach-der-krankheitsursache\/","title":{"rendered":"DIE SUCHE NACH DER KRANKHEITSURSACHE"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Beim Diagnostizieren einer Dekompressionserkrankung (DCI) verlassen wir uns im Wesentlichen auf einige Faktoren in der Vorgeschichte des Tauchers und auf die klinische Untersuchung. Dies gilt insbesondere f\u00fcr F\u00e4lle, in denen die verletzte Person nur schwach ausgepr\u00e4gte und uneindeutige Symptome aufweist. Leider gibt es f\u00fcr die DCI keine konventionellen Diagnosemethoden. Mit anderen Worten, es gibt also keinen Bluttest, mit dem definitiv nachgewiesen werden kann, dass man eine DCS erlitten hat. Und, obwohl die Vorgehensweisen in der Tauchmedizin vielfach klar definiert sind, ist dennoch ein ausgebuffter klinischer Praktiker n\u00f6tig, um die aussagekr\u00e4ftigen Details herauszufinden und zur Diagnose einer DCI zu gelangen, denn dies ist eine Wissenschaft f\u00fcr sich. Herauszufinden, dass bestimmte Symptome nach dem Tauchen nichts mit einer DCI zu tun haben, erfordert \u00e4hnlich gute F\u00e4higkeiten. Der folgende, recht ernste Fall zeigt einige der Herausforderungen auf, mit der sich die moderne Medizin befassen muss. Er zeigt zugleich, mit welchen Schwierigkeiten sich Taucher und deren Tauch\u00e4rzte auseinandersetzen m\u00fcssen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>DER TAUCHER<\/strong><br \/> Der Taucher ist 20 Jahre alt und reiste mit seiner Familie zu einem bekannten Tauchrevier im s\u00fcdlichen Pazifik. Alle Familienmitglieder wollten dort ihr Brevet zum Open Water Diver abschlie\u00dfen. Der Taucher und seine Familie hatten vor der Reise mehrere Stunden Unterricht hinter sich gebracht und in den ersten sechs Wochen des Sommers ihre praktischen F\u00e4higkeiten im begrenzten Freiwasser optimiert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>DIE TAUCHG\u00c4NGE<\/strong><br \/> Am ersten Tag wurden die \u00fcblichen Freiwasser\u00dcbungstauchg\u00e4nge durchgef\u00fchrt (auf 12,5 Meter Tiefe), bei denen die Familienmitglieder \u00dcbungen wie Tarierungskontrolle, Maske ausblasen und die Verwendung alternativer Luftversorgungen ausf\u00fchren mussten. Sie \u00fcbten dabei u. a. auch den kontrolliert schwimmenden Notaufstieg. Es gab w\u00e4hrend der Tauchg\u00e4nge keine Probleme, denn die Teilnehmer waren ja gut vorbereitet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>DIE KOMPLIKATIONEN<\/strong><br \/> Als der junge Mann nach dem zweiten Tauchgang zum Boot zur\u00fcckkehrte, klagte er \u00fcber pl\u00f6tzliche Kopfschmerzen, Ersch\u00f6pfung und Unwohlsein. Zus\u00e4tzlich zu diesen Symptomen litt er in seinen ganzen Armen unter anhaltenden Muskelkr\u00e4mpfen. Die Kr\u00e4mpfe nahmen langsam ab, und es kam schlie\u00dflich noch zu vier bis f\u00fcnf Krampfattacken t\u00e4glich; aber sie hielten die gesamte Reise \u00fcber an. Trotz seiner Symptome \u00fcberredeten ihn seine Familienmitglieder, zwei weitere Tage tauchen zu gehen, um seine Zertifizierung abzuschlie\u00dfen. Der Taucher erhielt sein Open Water Brevet und reiste anschlie\u00dfend auf der Insel herum. Er litt weiterhin an Muskelkr\u00e4mpfen, aber er bezeichnete sie als ertr\u00e4glich. Sein R\u00fcckflug nach Hause verlief ruhig. <\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zuhause angekommen, und dann weitere Probleme Eine Woche nach dem ersten Auftreten der Symptome erlitt er ohne Vorwarnung einen gro\u00dfen Epilepsieanfall, w\u00e4hrend er mit einem Fahrzeug auf einer st\u00e4dtischen Schnellstra\u00dfe unterwegs war. Ein Mitfahrer konnte das Fahrzeug unter Kontrolle bringen und brachte den Taucher in eine nahe gelegene Notaufnahme. Er wurde zur Untersuchung und Beobachtung station\u00e4r aufgenommen. Eine Woche sp\u00e4ter und damit zwei Wochen nach seinem letzten Tauchgang erlitt der junge Mann einen weiteren Krampfanfall. Ein MRT des Hirns blieb ohne Befund. Sein Neurologe verschrieb Depakote &reg;, ein krampfhemmendes Medikament. <\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da es keine weiteren schl\u00fcssigen Informationen \u00fcber eine m\u00f6gliche Ursache der Symptome gab, stellten die \u00c4rzte nun Fragen \u00fcber seine taucherische Vorgeschichte und seine Aktivit\u00e4ten. Um alle m\u00f6glichen Zusammenh\u00e4nge mit dem Tauchen auszuloten, zog der diensthabende Neurologe den \u00f6rtlichen Druckkammerarzt zu Rate. Da er sich selbst nicht sicher war, rief der Druckkammerarzt DAN an, um die Sinnhaftigkeit einer hyperbaren Sauerstofftherapie abzukl\u00e4ren. Der Arzt von DAN hielt es allerdings nicht f\u00fcr wahrscheinlich, dass hier eine DCI vorlag. Es w\u00e4re theoretisch schon m\u00f6glich, dass w\u00e4hrend des zweiten Tauchgangs ein kleiner Gasembolus (Luftbl\u00e4schen) in Erscheinung getreten sein k\u00f6nnte, dennoch hingen die Krampfanf\u00e4lle wahrscheinlich nicht damit zusammen, da sie erst mehrere Tage sp\u00e4ter auftraten. DAN f\u00fcgte au\u00dferdem an, dass &ndash; f\u00fcr den Fall, dass die Krampfanf\u00e4lle mit den Tauchg\u00e4ngen zusammenhingen &ndash; eine hyperbare Sauerstoffbehandlung 14 Tage danach sehr wahrscheinlich nicht mehr viel bewirken w\u00fcrde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>ZUR\u00dcCK IN DER HOCHSCHULE<\/strong><br \/> Als er am n\u00e4chsten Tag entlassen wurde, kehrte der junge Mann zu seinem College zur\u00fcck. Sein Zustand verschlechterte sich, denn er bekam nun h\u00e4ufig schwere, migr\u00e4neartige Kopfschmerzattacken, verbunden mit Sehst\u00f6rungen und Magen-Darm-Problemen. Au\u00dferdem hatte er Schwierigkeiten mit seinem Kurzzeitged\u00e4chtnis, die dazu f\u00fchrten, dass er die Anweisungen f\u00fcr die Einnahme von Medikamenten nicht mehr richtig befolgen konnte. Als es sich weiter verschlimmerte, konnte er dem Unterricht schlie\u00dflich nicht mehr folgen, und seine Leistungen im College lie\u00dfen immer weiter nach. Um ihn zuhause versorgen zu k\u00f6nnen, entschied seine Familie, ihn von der Hochschule zu nehmen &ndash; ganze vier Wochen, nachdem er dort angefangen hatte. Er wurde erneut in die Klinik eingewiesen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>DER ZUSTAND VERSCHLECHTERT SICH<\/strong><br \/> Weitere medizinische Tests, darunter eine Voruntersuchung auf Meningoenzephalitis (Entz\u00fcndung von Hirn\/Hirnhaut) mittels Lumbalpunktion, blieben ohne Befund. Nachdem EEGs, Computertomografien, Magnetresonanztomografien und Lumbalpunktionen normal ausfielen, waren die \u00c4rzte zuerst ratlos: Sie hatten einen gesunden, zwanzig Jahre alten Studenten mit Auszeichnung vor sich, der innerhalb von vier Wochen gezwungen war, sich vom College zur\u00fcckzuziehen, bettl\u00e4gerig wurde und rund um die Uhr versorgt werden musste. Zu diesem Zeitpunkt war der junge Mann fortw\u00e4hrend reizbar und litt unter immer wieder aufflammenden, migr\u00e4neartigen Kopfschmerzen, Muskelzuckungen, Erbrechen, Sabbern, Schwierigkeiten beim Gehen und einem zunehmend schlechteren Kurzzeitged\u00e4chtnis. <\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Angesichts der Verunsicherung der lokalen \u00c4rzte richtete die Familie eine erneute, davon unabh\u00e4ngige Bitte an DAN, nochmals die Wahrscheinlichkeit einer DCI bzw. verunreinigter Atemluft zu pr\u00fcfen. Die M\u00f6glichkeit kontaminierter Atemluft erschien unwahrscheinlich und wurde sofort verworfen. Vor dem Hintergrund eines sp\u00e4teren Auftretens zus\u00e4tzlicher Symptome, z. B. der Ver\u00e4nderung des Geisteszustands, der asymmetrischen Schw\u00e4che und Probleme beim Gehen, erschien es eher unwahrscheinlich, dass dies das Krankheitsbild einer m\u00f6glichen DCI war (die Krampfanf\u00e4lle, Kopfschmerzen und Schwierigkeiten beim Gehen nach sich ziehen kann). Insgesamt gesehen blieb das Krankheitsbild, zumindest im Zusammenhang mit dem Tauchen, verwirrend. <\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Diagnose: West-Nil-Virus Vier Wochen nach Krankheitsbeginn gab es einen Durchbruch. Nach mehreren erfolglosen Heilungsversuchen mit antibiotischen und antiviralen Medikamenten verabreichten die \u00c4rzte dem Patienten intraven\u00f6s Steroide, und das zeigte richtig Wirkung: Die Symptome lie\u00dfen praktisch \u00fcber Nacht nach. Die gr\u00fcndliche Auswertung der Laborergebnisse brachte zudem einen erh\u00f6hten Wert bei den Antik\u00f6rpern (IgM &ndash; Gamma-M-Immunglobuline) gegen den West-Nil-Virus in der Hirn&ndash;\/R\u00fcckenmarksfl\u00fcssigkeit [Liquor] zutage, also in der Fl\u00fcssigkeit, die Hirn und R\u00fcckenmark der infizierten Person umgibt. Aus den vorliegenden Symptomen und den Behandlungsergebnissen schlossen die \u00c4rzte, dass sich der Taucher eine Woche vor seinen Freiwassertauchg\u00e4ngen zum Bestehen des Open Water Divers mit dem West-Nil-Virus infiziert hatte. Ob das Tauchen nun zum Fortschreiten der Krankheit oder ihrer Symptome beigetragen hat, bleibt unklar. Auf jeden Fall erforderte das Zusammentreffen der Faktoren das Urteilsverm\u00f6gen einiger der scharfsinnigsten Diagnostiker in mehreren Kliniken.<br \/>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der West-Nil-Virus, ein von Stechm\u00fccken \u00fcbertragener Erreger, tauchte 1937 zuerst im West-Nil-Delta in Uganda auf; in den USA wurde es erstmals 1999 in New York City dokumentiert. Die rasche Ausbreitung des Virus zog schnell die Aufmerksamkeit der &#8218;Centers for Disease Control and Prevention&#8216; [dem Gesundheitsministerium der USA unterstellte Beh\u00f6rden, zust\u00e4ndig f\u00fcr Infektionskrankheiten] auf sich, dessen epidemiologische Studien f\u00fcr das Jahr 2003 in den USA 9.862 Betroffene verzeichnen, was gegen\u00fcber 2002 (4,156 F\u00e4lle) eine Zunahme um 137 Prozent bedeutet. Die Familienmitglieder berichteten DAN von der letzten Nachuntersuchung, dass man innerhalb der n\u00e4chsten zwei Monaten mit der vollst\u00e4ndigen Genesung des jungen Mannes rechnet: Er f\u00fchle sich immer noch schwach und arbeite daran, die 9 kg K\u00f6rpergewicht wiederzuerlangen, die er bis zum Abklingen der Symptome verloren hat. Sie berichteten weiter, dass er zum Beginn des n\u00e4chsten Semesters wieder die Hochschule besuchen werde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>BESPRECHUNG<\/strong><br \/> Wenn nach einem Tauchgang eine akutes Krankheitsbild auftritt, insbesondere eines mit neurologischen Anzeichen und Symptomen, ist es sehr wahrscheinlich zur\u00fcckzuf\u00fchren auf eine DCI. In unserem Fall war das Auftreten der Symptome zu diesem Zeitpunkt purer Zufall. Viele Krankheitsbilder haben \u00c4hnlichkeiten mit denen der DCI &ndash; zum Beispiel Fischvergiftung durch Ciguatera, Erkrankungen oder Quetschungen des R\u00fcckenmarks, Migr\u00e4neattacken und gelegentlich gar akute Herzinfarkte. In diesem Fall entdeckten die Tauchmediziner, dass die vom West-Nil-Virus hervorgerufenen Symptome ebenfalls als DCI-Symptome durchgehen k\u00f6nnen. <\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Risiko f\u00fcr einen Sporttaucher, eine DCI zu erleiden, ist nach heutigem Wissensstand gering. Daten aus DAN&#8217;s &#8218;Project Dive Exploration&#8216; (PDE) untermauern dies und beziffern das Risiko f\u00fcr Taucher, die vom Ufer oder von einem Tagesboot aus tauchen, mit drei F\u00e4llen auf 10.000 Tauchg\u00e4nge (zu finden auf Seite 42 des &#8218;DAN Report on Decompression Illness, Diving Fatalities and Project Dive Exploration&#8216;, der [Tauchunfallstatistik] f\u00fcr das Jahr 2004). Der Bericht zeigte zudem auf, dass 48 Prozent der Teilnehmer des PDE-Projekts bereits vorhandene medizinische bzw. gesundheitliche Probleme aufwiesen. Der Kl\u00e4rungsprozess einer m\u00f6glichen DCI offenbarte bei diesem jungen Mann eine komplexe gesundheitliche Vorgeschichte, und bei anderen verletzten Tauchern kann es ebenso sein. F\u00fcr den Arzt \/ die \u00c4rzte, die jeden einzelnen Fall zu begutachten haben, stellt das Ganze somit eine diagnostische Herausforderung dar.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Beim Diagnostizieren einer Dekompressionserkrankung (DCI) verlassen wir uns im Wesentlichen auf einige Faktoren in der Vorgeschichte des Tauchers und auf die klinische Untersuchung. 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