13 Jun 2017 | DAN Staff

Unterwasserkunst: Interview mit Jason deCaires Taylor

Jason deCaires Taylor ist Bildhauer, Umweltschützer und Profi-Unterwasserfotograf. Eines seiner neusten und bekanntesten Projekte ist das Museo Atlántico, eine Sammlung von über 300 Skulpturen im Meer vor Lanzarote (Spanien)  – die erste ihrer Art in Europa. Taylors Werke sind momentan auch und noch bis zum 26. November auf der Biennale Arte 2017 in Venedig (Italien) ausgestellt. Im Rahmen von  #WhyWeDoIt, der neuesten Kampagne von DAN Europe, befasst sich der Alert Diver einmal genauer mit Taylors magischer Unterwasserwelt.


Wie wurden Sie Unterwasser-Bildhauer?

Meine Ausbildung zum Bildhauer habe ich vor rund 20 Jahren in London begonnen. Damals war ich schon Taucher. Nachdem ich die Kunsthochschule verließ, hatte ich verschiedene Jobs, unter anderem arbeitete ich auch als Tauchlehrer. Im Laufe der Jahre begann ich darüber nachzudenken, dass das Meer ein toller kreativer Raum für Kunst sein könnte und überlegte, wie man Kunst unter Wasser so platzieren könnte, um künstliche Riffe zu erzeugen.

Vor diesem Hintergrund habe ich mich vor ungefähr einem Jahrzehnt dazu entschlossen, in der Karibik einen Unterwasser-Skulpturenpark anzulegen. Ich begann in einem kleinen Gebiet, das von einem Hurrikan zerstört worden war. Mit dem Aufbau des Parks wollte ich die Gegend neu beleben und die Aufmerksamkeit der Menschen auf empfindliche natürliche Regionen lenken. Seitdem habe ich etwa 800 Unterwasser-Skulpturen geschaffen.


Warum fühlen Sie sich so zum Meer hingezogen und welche Bedeutung hat es für Sie?

Als Kind lebte ich ganz in der Nähe von Korallenriffen. Meine Eltern charterten am Wochenende oft ein Boot und wir erkundeten die unberührten Inseln Thailands und Malaysias. Ich hatte großes Glück, dass ich im zarten Alter von sieben oder acht Jahren schon solche tollen Erfahrungen machen durfte. Sie hinterließen einen dauerhaften Eindruck bei mir und führten dazu, dass ich die Grenzen der Kunst und der weiten See erkunden wollte.

Das Meer ist ein unglaublicher Raum, in dem ich die Welt außen vor lassen kann. Eine Welt der Stille, in der ich mit meinen Gedanken vollständig alleine bin. Es ist, als würde man die Grenze zu einer anderen Welt übertreten, die von der eigenen völlig getrennt ist. Ein wirklich besonderer Ort.


Welches kreative Ziel verfolgen Sie als Künstler?

Bei meinen Projekten geht es nicht nur um Kunst, sondern auch um den Schutz der Meere. Meine Werke haben also verschiedene Ziele. In der Praxis bilden sie künstliche Riffe, bieten Korallen und verschiedenen Kreaturen eine alternative Oberfläche, auf der sie leben können und Behausungen, in die sie sich zurückziehen können.

Im weiteren Sinne sollen sie die Menschen weg von den sensiblen Lebensräumen im Meer und tiefer ins Meer holen. Dort liegt eine versteckte, oft vergessene Welt. Durch meine Arbeit möchte ich auf die vielen Dinge hinweisen, die Auswirkungen auf unsere Meere haben und gleichzeitig möchte ich zeigen, wie verletzlich und voller Wunder sie sind.


"Das Meer ist ein unglaublicher Raum, in dem ich die Welt außen vor lassen kann. Eine Welt der Stille, in der ich mit meinen Gedanken vollständig alleine bin."



Warum finden Sie es so wichtig, durch Ihre Arbeit darauf aufmerksam zu machen, wie sehr die Meere von der Menschheit vernachlässigt werden?

Ich tauche jetzt schon seit über 20 Jahren. Ich habe Gegenden gesehen, die einst unberührt waren, unglaublich farbenreiche Korallenriffe voll unterschiedlichster Lebensformen. Wenn ich jetzt zu einigen dieser Orte zurückkehre, dann finde ich sie völlig zerstört vor. Jede wissenschaftliche Prognose über die Zukunft der Meere ist heutzutage extrem negativ. Darüber bin ich sehr besorgt. Ich möchte, dass meine Kinder das erleben können, was ich in ihrem Alter erleben durfte.


Hilft Kunst dabei, ein größeres Bewusstsein und mehr Respekt für die Meere zu schaffen?

Ich denke, Kunst ist ein äußerst wichtiges Mittel. Wissenschaftler können Fakten und Informationen vermitteln, aber wie wir alle wissen, sind Menschen sehr impulsive und emotionale Wesen. Ich bin der Ansicht, Kunst kann Menschen wirklich miteinander verbinden. Ich hoffe, dass die Menschen durch diese Art der Verbindung dazu motiviert werden, einen Beitrag zum Schutz der Meere zu leisten.


Erzählen Sie uns bitte etwas über Ihr Projekt auf Lanzarote und was Sie an diesen Ort gebracht hat?

Das Museo Atlántico liegt etwa 400 Meter vor der Küste von Las Coloradas in 12-14 Metern Tiefe. Es besteht aus 12 unterschiedlichen Installationen mit rund 300 Werken, die innerhalb der verschiedenen Zonen des Museums verteilt sind. Besucher tauchen mit einem ausgebildeten Führer ins Museum hinab und werden bei einer Tour durch alle Ausstellungen geleitet. Danach werden sie zum Ausstiegspunkt und wieder sicher auf ihr Boot zurückgebracht.

Ich hatte schon einige Projekte in tropischen Gewässern umgesetzt, vor allem in der Karibik, und war sehr daran interessiert in einer neuen Umgebung zu arbeiten. Die Insel ist etwas Besonderes, denn Kunst mit Bezug zur Umwelt hat hier schon lange Tradition und an Land gibt es viele Installationen, die eng mit der Umwelt verbunden sind. Lanzarote war also der ideale Ort für dieses Projekt.


Wie fühlten Sie sich, als das Projekt abgeschlossen war und die ersten Besucher ins Museum kamen?

Das war eine Riesenaufgabe. Genehmigungen, Untersuchungen, Fundraising, Politik... Bei der Planung und Umsetzung des Projekts gab es so viele verschiedene, wichtige Dinge zu berücksichtigen. Ganz zu schweigen vom tatsächlichen Aufbau des Museums. Das war eine noch größere Phase.

Jetzt wo es fertig ist, bin ich extrem erleichtert. Ich freue mich zu sehen, dass immer mehr Taucher das Museum besuchen und es zu schätzen wissen. Was mir aber am besten gefallen hat, war zu sehen, dass der Ort von den Tieren der Region kolonisiert wurde und er sich so ganz natürlich in die Meeresumwelt einfügt.



Sie haben noch viele andere Projekte im Kopf. Was treibt Sie so an, dass Sie immer wieder etwas Neues schaffen wollen?

Ich bin immer auf der Suche nach neuen Umgebungen, neuen Konzepten und anderen Möglichkeiten, die Bedrohungen zu diskutieren, denen unsere Meere ausgesetzt sind. Das und mein Bestreben, immer die nächste Herausforderung zu überwinden, die sich mir stellt, sind meist die Dinge, die mich hauptsächlich antreiben.


Was sollen die Menschen von dem lernen, was Sie erschaffen?

Wir neigen dazu zu vergessen, dass wir selbst auch ein natürlicher Teil der Umwelt sind. Und es hat eine besondere Bedeutung, über und über mit Meereslebewesen bedeckt zu sein und wieder vom Planeten absorbiert zu werden. Ich hoffe also, dass die Menschen mitnehmen, dass wir von der Umwelt abhängen und die Umwelt von uns. Leider ist diese Beziehung selten ausgeglichen.

Alles dreht sich darum, dass wir unser Leben mit anderen Augen betrachten. Wenn moderne Konzepte in diese Art dynamische Unterwasserwelt integriert werden, glaube ich, gelingt es uns, unser eigenes Leben aus einer anderen Perspektive und in einem anderen Zusammenhang zu sehen.


In Ihrem TED-Talk sagten Sie, dass wir alle das Meer wie ein Museum behandeln und es entsprechend schützen sollten. Warum sind Sie dieser Ansicht? 

Wir haben diese Projekte Museen genannt, denn Museen haben einen sehr bestimmten Wert und ich wollte unseren Meeren denselben Wert geben. Wenn wir Objekte in ein Museum stellen, dann sind sie für uns wertvoll, sie sind es wert bewahrt zu werden und wir schätzen sie. Ich möchte, dass die Menschen dasselbe Verhältnis zum Meer haben. Das Meer ist eine unglaublich vielfältige und wunderschöne Unterwasserregion. Das wird oft vergessen. Dadurch, dass ich ihm denselben Wert wie einem Museum gebe, hoffe ich, wird sich die Beziehung der Menschen zum Meer verändern. Ich möchte diese Beziehung weiter verändern, sodass das Meer nichts mehr ist, vor dem die Menschen Angst haben, sondern etwas, von dem sie verstehen, dass sie es respektieren und wertschätzen sollten.


Wie wichtig ist Ihnen das Thema Sicherheit bei Ihren Entdeckungen in der Unterwasserwelt?

Sicherheit ist bei all meinen Projekten äußerst wichtig. Ich habe das große Glück, dass ich mir oft aussuchen kann, wo ich meine Werke installieren will. So kann ich Orte aussuchen, die sehr sicher, leicht zugänglich und in einer annehmbaren Tiefe sind. Das erlaubt es mir mehr Anfänger dazu zu ermutigen, die Unterwasserwelt zu erkunden, und zwar in einer sehr kontrollierten Umgebung.

Bei vielen meiner Museumsprojekte gibt es Meeresparkwächter, die den Tauchplatz überwachen, wir haben Bojen für den Abstieg und den Aufstieg und wir bilden außerdem Taucher aus, die Führungen durch die Museen leiten. Die Taucher sind also immer sicher. 


Wie werden Sie von DAN als Künstler und Taucher unterstützt?

Die Arbeit im Meer hat ihre Gefahren, vor allem bei meiner ungewöhnlichen und herausfordernden Arbeit als Unterwasser-Bildhauer. Durch DAN abgesichert zu sein und zu wissen, dass mir in einem Notfall geholfen wird, ist unbezahlbar.

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