18 Jun 2020 | Audrey Cudel

Xulo, die Höhle der Schwalben

Ort: Muyil, Quintana Roo, Mexiko

Art des Tauchgangs: Höhlentauchgang

Niveau: Erfahrene Höhlentaucher

Durchschnittliche Tauchtiefe: 10 Meter

Maximale Tauchtiefe: 27,1 Meter

Die Halbinsel Yucatan gilt als Mekka der Höhlentaucher. Unter der flachen Karstlandschaft liegt ein ausgedehntes System unterirdischer Wasserläufe, zugänglich über Tausende als „Cenoten“ (Singular: der Cenote) bekannte Einsturzstellen, die über die nördlichen Tieflande der Halbinsel verteilt sind.

Durch die laufende Erforschung neuer Cenoten wächst das System der bekannten Grundwasserleiter jedes Jahr um viele Kilometer. Eine vollständige Beschreibung der einzigartigen Schönheit jeder einzelnen Höhle in Yucatan würde eine Enzyklopädie füllen.

Manche Höhlen bieten jedoch schon für sich genommen alles, was das Höhlentaucherherz begehrt: eine Folge faszinierend dekorierter Kammern, häufige Szenenwechsel, einzigartige Gesteinsformationen, Passagen auf unterschiedlichen Tiefen, sowie komplexe Navigation, wie beispielsweise das Traversieren zu einem anderen Cenote und das Passieren von Engstellen.

Eine dieser Höhlen ist “Uku Cuzam“, auch bekannt als „Höhle der Schwalben“ („Cueva Golondrinas“). Aus Respekt vor dem Eigentümer des Landes, einem Angehörigen des Volks der Maya, der den Zugang während der Erforschung durch Alvaro Roldan im Jahre 2013 bewachte, Respekt zollen möchte, nennen die meisten Leute die Höhle schlicht nach ihm: Xulo (ausgesprochen „Dsulo“). 

Xulo ist einer der vier Cenoten des Caterpillar-Systems, das trotz einer Gesamtlänge von nach aktuellem Stand 13.452 Metern nach mexikanischen Maßstäben als klein gilt. Die Tunnel und Kammern der Höhle Xulo selbst – manche geräumig, andere extrem eng – haben eine Gesamtlänge von 1372 Metern. Die Höhle befindet sich am Rand des Dorfes Muyil, in einer Gegend, deren geologische Beschaffenheit sich von der bekannterer Orte weiter nördlich zwischen Playa del Carmen und Tulum deutlich unterscheidet. Stromabwärts des Cenote Caterpillar gelegen, bleibt die Lage der Höhle Xulo aufgrund ihrer Nähe zum System Doggy weiterhin vielversprechend – möglicherweise gibt es eine Verbindung.

Briefing

Xulo ist nur 200 Meter von der Hauptstraße entfernt und daher mit dem Auto einfach zu erreichen. Der Zugang zum Wasser ist lediglich 20 Meter vom Parkplatz entfernt. Das den Zugang zu Höhle umgebende Land ist gut gepflegt. Für den Komfort der Höhlentaucher wurden im Laufe der Jahre einige Gebäude errichtet. Nach Entrichtung des Eintrittsgeldes können die Fahrzeuge während der Tauchgänge auf einem bewachten Parkplatz abgestellt werden.

Ein paar Schritte vom Parkplatz entfernt befindet sich der Eingang zu einer recht großen, mit Formationen verzierten Höhle, die Zutritt zu einem Netzwerk von Tunneln bietet. Eine eigens gebaute Treppe vereinfacht den Einstieg in einen flachen, von weißen Stalaktiten umgebenen Teich mit glasklarem Wasser. Die Führungsleine beginnt oberhalb der Wasseroberfläche an einem der Stalaktiten in der Nähe des verengten Höhleneingangs. Nach wenigen Metern weitet sich die Höhle zu einer riesigen, kathedralenartigen Kammer mit zahlreichen Verzierungen.

Am Ende der Kammer führt ein Durchgang zu einem Bereich mit höherem Tanningehalt im Wasser, wo der Schwefel gelbe und schwarze Ablagerungen auf den umgebenden Formationen bildet. Wurzeln reichen von der Oberfläche in eine nur teilweise unter Wasser liegende Kammer hinein, die zur ersten verengten Passage führt. Auf der anderen Seite der Engstelle wird der Taucher mit dem Anblick einer atemberaubend schönen, gigantischen Kammer voller einzigartiger Verzierungen belohnt. Nach einigen kurzen, parallel verlaufenden Abschnitten, die man durch Abzweigen von der Hauptleine erforschen kann, hat man die Wahl zwischen zwei sehr unterschiedlichen Routen.

Die Hauptleine führt zur tiefsten Passage und bietet einen abrupten Wechsel der Szenerie. Ein Tunnel mit blauem Süßwasser, umgeben von porösem Kalksandstein, führt auf eine Tiefe von 27,1 m und endet etwa 550 m weit vom Eingang entfernt in einem vertikalen Schacht.

Wer an einer der markierten Stellen von der Hauptleine abzweigt, befindet sich auf dem Weg zum Cenote Caterpillar. Die flache Passage besticht durch ihre filigranen Verzierungen, und zahlreiche Nebentunnel erfordern komplexe Navigation. Die Route hat eine niedrige Decke und führt zu einer Reihe von Engstellen, die nur in Sidemount-Konfiguration passierbar sind, wenn einem am Erhalt der Höhle gelegen ist. Es gibt eine Vielzahl markierter Nebenrouten, von denen einige jedoch so empfindlich sind, das verantwortungsbewusste Taucher sie besser gänzlich meiden sollten. 

Der Legende nach verkörpert die Schwalbe Mut, Erfahrung, und die Fähigkeit, nach weiter Reise sicher den Weg zurück nach Hause zu finden. Wer Xulo kennt, für den ist diese Höhle ein Ort, an den man gerne zurückkehrt. 

Sicherheit

OHNE SPEZIELLE AUSBILDUNG IST VOM HÖHLENTAUCHEN UNBEDINGT ABSTAND ZU NEHMEN.

Höhlentauchen erfordert Ausbildung, regelmäßige Übung, die richtige Ausrüstungskonfiguration, und geeignete Atemgase. Die drei wichtigsten Gesichtspunkte sind die Sicherheit des eigenen Teams, die Rücksicht auf andere Teams, und nicht zuletzt der Schutz der Höhle.

Trotz des einfachen Zugangs und der geringen Durchschnittstiefe bietet Xulo eine Reihe von Engstellen, die eine entsprechende Ausrüstungskonfiguration – vorzugsweise Sidemount mit Stage-Zylindern – sowie entsprechende Schwimmtechniken und Tarierung erfordern. 

Auch wenn die Umgebung der Hauptleine recht robust ist, führen einige der Nebenrouten zu empfindlichen Bereichen mit starkem Schlickaufkommen, in denen ein kompletter Sichtverlust droht. Taucher sollten die Größe des Teams entsprechend begrenzen und verwirbelungsfreie Schwimmtechniken nutzen, um den vorhersehbaren Ausgang zu vermeiden. Man sollte sich außerdem seiner Grenzen bewusst sein und nicht blindlings einer Leine folgen in dem Glauben, dass überall, wo sie entlang läuft, auch immer ein Mensch durch passt.

Navigationsfehler sind beim Höhlentauchen extrem gefährlich, da bei langer Suche nach dem Weg nach draußen das Atemgas ausgehen könnte. Die Navigation in Xulo reicht von sehr einfach bis komplex. Alles in Allem sind Führungsleine und die Markierungen recht verlässlich. Es gibt jedoch noch keine detaillierte Karte der Höhle. Wenn Taucher einen der komplexeren Wege wählen, sind korrekte Navigationstechniken wie Markierung, Referenzierung und Nutzung des Kompasses unverzichtbar! In Quintana Roo fließen alle Grundwassersysteme in Richtung Südosten zum Meer. Im Falle eines Orientierungsverlusts kann diese Information trotz der kaum wahrnehmbaren Strömung bei der Entscheidungsfindung nützlich sein.

Der ‚Notausgang‘ stromaufwärts Richtung Caterpillar ist eine 90-minütige Traverse und nur mit sehr guter Ortskenntnis zu finden.

In der Gegend um Muyil gibt es bisher keinen Mobilfunkempfang, so dass das Absetzen eines Notrufs unmöglich ist. Die Fahrt zurück in die Zivilisation um Divers Alert Network (DAN) oder ein Rettungsteam zu rufen dauert 20 Minuten. Die nächste Druckkammer liegt weitere 40 Minuten entfernt in Playa del Carmen. 

Schutz der Höhlen: „Somos los Cenotes“

Seit ihrer ersten Erforschung 2013 hat die Höhle Xulo zahlreiche Veränderungen erfahren. An der Oberfläche haben Abholzung, Räumarbeiten und neue Straßen zur Erschließung von Land, das derzeit zum Verkauf steht, ihre Spuren hinterlassen. Unter der Erde scheinen sich die Passagen in der Traverse zum Cenote Caterpillar leider wie von selbst zu vergrößern, und die Anzahl zerstörter Gesteinsformationen steigt jährlich mit der Anzahl der Taucher.

In den vergangenen 30 Jahren hat sich die Umweltbelastung nach Süden ausgebreitet. Das frühere Fischerdorf Playa del Carmen hat sich in eine Großstadt verwandelt, deren Bevölkerung sich zwischen dem Jahren 2000 und 2020 auf derzeit über 200.000 verdoppelt hat. Das ehemalige Aussteigerdorf Tulum ist heute ein gehyptes, überteuertes Touristenziel, dessen Bevölkerung auf das Vierfache der Kapazität seiner Kläranlagen und seines Ressourcenmanagements explodiert ist. Diese unkontrolliert wachsenden Städte verfügen bisher nicht über das Wissen und die Infrastruktur, die für den Erhalt der natürlichen Lebensräume erforderlich sind.

Es ist alarmierend, dass ein Ort wie Muyil der Nächste auf der Liste sein könnte. Obwohl es in der Bevölkerung Widerstand gegen die Invasion von Investoren und Touristen gibt und einige Bewohner versuchen, den Zugang zu den Cenoten schwieriger zu gestalten, sind einige Auswirkungen bereits zu spüren. Die vernetzten Grundwassersysteme leiden unter korrupten Entwicklungsprogrammen, deren Betreiber genau wissen, dass die Abwässer in den Grundwasserleiter gelangen.

Somos Los Cenotes“ (spanisch: „die Cenoten sind wir“) ist eine der wenigen Organisationen, die versuchen, ein Bewusstsein für die Bedeutung von Naturwundern wie Xulo zu schaffen und die negativen Auswirkungen zur wirtschaftlichen Entwicklung in der Region zu bekämpfen.

Wenn die Cenoten bedroht sind, dann sind wir alle bedroht – Cenoten sind unsere Lebensgrundlage und für unser Wohlergehen unverzichtbar. Nachhaltigkeit und Naturschutz bedeuten nicht, völlig auf Entwicklung zu verzichten. Statt dessen geht es um den kontrollierten, verantwortungsvollen und schonenden Umgang mit unserer Umwelt.




Die Autorin

Audrey ist Höhlenforscherin und unterrichtet Tech-Tauchen mit Schwerpunkt auf Sidemount und Höhlentauchen in Europa und Mexiko.

In der Tauchwelt ist sie für ihre Unterwasserfotografie bekannt, in der sie Tech- und Höhlentaucher in Szene setzt. Ihre Werke wurde in zahlreichen Magazinen veröffentlicht, z. B. Wetnotes, Octopus, Plongeur International, Perfect Diver, Times of Malta, sowie in den Publikationen von SDI/TDI und DAN (Divers Alert Network).




Der Übersetzer

Tim Blömeke ist freier Übersetzer für Wissenschaft, Technik und Recht, sowie passionierter Wrack- und Höhlentaucher. Er unterrichtet Tauchen (Sport und Tec) in Taiwan und auf den Philippinen.

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