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Ein Unterwasserfotograf, den man im Auge behalten sollte: Interview mit Pietro Formis

Pietro Formis ist ein preisgekrönter Unterwasserfotograf und DAN-Mitglied seit seinem ersten Tauchgang. Im Interview mit Alert Diver erzählt er von sich und seiner Leidenschaft für die Welt unter Wasser.

Foto: Pietro Formis

Pietro Formis, geboren 1978.

DAN-Mitglied seit 2008.


Pietro Formis möchte uns zum Träumen bringen und uns in das Wunderland der Unterwasserwelt entführen. Und das gelingt ihm: Seine Bilder wurden unter anderem im Oceanographic Magazine, Scuba Diver Australasia, EZDive, Unterwasser, Naturphoto, Ocean Geographic, SUB und La Rivista della Natura veröffentlicht.

Pietro machte seinen Tauchschein im Alter von 29 Jahren – „ein bisschen spät“, wie er sagt. Eigentlich hatte er schon immer getaucht, nur eben ohne Flaschen. Direkt nach seinem Open-Water-Kurs wurde er Mitglied bei DAN und entdeckte bald seine Leidenschaft für die Unterwasserfotografie. Innerhalb weniger Jahre arbeitete er sich in Wettbewerben nach oben und gewann schließlich mit dem Buch Aqua, verfasst gemeinsam mit Emilio Mancuso, den Titel Underwater Photographer of the Year.

Außerdem war er Finalist bei Wildlife Photographer of the Year, dem weltweit renommiertesten Wettbewerb für Naturfotografie, ausgerichtet vom Natural History Museum in London.

Pietros Stärken sind eine bemerkenswerte künstlerische Sensibilität und das methodische Studium der Lebensräume im Meer. Hinzu kommt die Fähigkeit zu träumen, und diese Träume mit einem seltenen, ganz persönlichen Ansatz zu verwirklichen:

„Ich nehme an Wettbewerben und Festivals nicht nur teil, um Anerkennung oder mediale Aufmerksamkeit zu bekommen. Ich will Trends erkunden, neue Ideen entdecken, und wirklich interessante Menschen kennen lernen.“

Pietro begann bereits als Kind mit dem Tauchen und ging in der Nähe seiner Heimatstadt Levanto in Ligurien (Italien) auf Apnoe-Tauchgänge.

„Wonach ich gesucht habe? Oktopusse – die armen Tiere! Heute kann ich sie nicht mehr essen, aber damals war ich ein Oktopusjäger. Ein schlechter, zum Glück; ich habe nur selten einen gefangen.“

Dann kam das Gerätetauchen.

„Mein Vater meldete sich zu einem Tauchkurs an, und ich beschloss, mitzumachen. So wurde ich Taucher. Direkt danach trat ich DAN bei. Mir war von Anfang an klar, dass Sicherheit immer an erster Stelle steht. Ich begann, um die Welt zu reisen, wurde Divemaster und gab Fotokurse. Eine DAN-Versicherung ist für meine Arbeit genauso unverzichtbar wie eine Kamera.“

Pietros Karriere nimmt Fahrt auf. Seine Bilder erscheinen in führenden Tauchmagazinen. Als Finalist beim Wettbewerb Wildlife Photographer of the Year erhält er sogar eine Einladung zu einem Galadinner unter dem berühmten Walskelett im Natural History Museum in London.

„Ein unvergessliches Gefühl – die Atmosphäre, die Leute, beim renommiertesten Naturfotografiepreis der Welt. Ein anderer Wettbewerb, der mir sehr am Herzen liegt, ist der GDT – European Wildlife Photographer of the Year in Deutschland. Dort werden Bilder ausgewählt, die eine innovative Sichtweise, sowie künstlerische oder ungewöhnliche fotografische Techniken zeigen.“

„Avanti tutta!“

Pietro tut sich mit Emilio Mancuso zusammen, einem Unterwasserfotografen, Meeresbiologen und Kommunikator der Wissenschaften. Gemeinsam realisieren sie das preisgekrönte Buch Aqua.

„Wir haben uns über unsere gemeinsame Leidenschaft kennengelernt und beschlossen, als Team kombinierte Kurse in Biologie und Fotografie anzubieten. Ich habe ihn überzeugt, an meinem ersten Buch mitzuschreiben. Mancuso ist ein sehr guter Fotograf, vor allem aber ein außergewöhnlicher Vermittler. Wir ergänzen uns perfekt. Unsere gemeinsam entwickelten Ideen sind mehr als die Summe unserer individuellen Beiträge.

Wir sind zusammen gereist, haben an Cleanups teilgenommen, Geisternetze entfernt und Seegraswiesen rehabilitiert. Unser jüngstes Projekt ist ein Dokumentarfilm mit dem Titel Marine Animal Forest. Er beleuchtet die Bedeutung dieser Lebensräume, die wenig bekannt, aber für das Leben auf der Erde unverzichtbar sind. Emilio hat ein Motto, das zu unserem Leitspruch geworden ist: “Avanti tutta” („Volle Kraft voraus“). Es ist eine wunderbare Synergie entstanden – und wir haben nicht vor, aufzuhören.“

Fotografen als Umweltschädlinge

In Thailand wurde Anfängern verboten, Kameras mit auf Tauchgänge zu nehmen. Welchen Einfluss haben Fotografen auf das Meeresleben?

„Ob Fotografen oder nicht – wir können nicht so tun, als wären wir völlig harmlos. Einige Studien zeigen, dass die Nutzung eines Tauchplatzes für die Ausbildung von Anfängern den größten Schaden verursacht. Ich fidne, wir sollten empfindliche Lebensräume meiden, bis wir unsere Tarierung und unser Verhalten unter Kontrolle haben. In Italien ist das Tauchen eher rückläufig, aber in Asien sieht es anders aus: Die Zahl der Taucher steigt, und die Spots sind mit unerfahrenen Tauchern überfüllt, die zudem von ihren Kameras abgelenkt sind.“

Was können erfahrene Fotografen tun, um ihren Einfluss zu minimieren?

„Die Regeln und wissenschaftlichen Richtlinien in Schutzgebieten befolgen und sich mit den jeweiligen Arten vertraut machen. Nehmen wir zum Beispiel Videolampen und Blitzlichter: Fuchshaie verbringen die meiste Zeit in tieferen Gewässern und reagieren empfindlich auf grelles Licht. Blauhaie hingegen halten sich eher in flacheren, lichtdurchfluteten Bereichen auf. Sie scheinen sich an Blitzen und Videolampen überhaupt nicht zu stören. Wenn überhaupt, dann sind Blauhaie eher neugierig.“

Sicherheit

„Tauchst du allein?“ ist für jeden Unterwasserfotografen eine heikle Frage:

„Ich habe großes Glück, diese Leidenschaft mit meiner Frau Ilaria zu teilen, die eine hervorragende Fotografin ist. Wir tauchen zusammen. Mit einem anderen Fotografen zu tauchen ist nicht dasselbe wie mit einem normalen Buddy – man ist auf die Kamera konzentriert und kann nicht so viel Aufmerksamkeit auf den Partner richten. Wenn es nötig ist tauche ich manchmal auch allein. Meistens sind aber Leute in der Nähe, zum Beispiel Forscher oder Leute von der Tauchbasis.“

Storytelling für den Naturschutz

Pietro will mit seinen Fotos Geschichten erzählen.

„Im Laufe der Zeit ist für mich die Arbeit der Wissenschaftskommunikation immer wichtiger geworden. Ich versuche, Ästhetik mit Dokumentation zu verbinden. Ich will Bilder schaffen, die man sich zur Dekoration an die Wand hängen kann, die aber gleichzeitig eine Geschichte erzählen.

Zum Beispiel bin ich im Po-Delta getaucht, wo die Muschelzucht durch die Explosion der Bestände der Blaukrabbe stark beeinträchtigt wurde. Die Blaukrabbe ist eine invasive Spezies, die das Gleichgewicht des gesamten Mittelmeers bedroht. Ich habe diese Katastrophe in der nördlichen Adria dokumentiert. Ich habe Sammelstellen besucht, um tiefergehende Informationen zu erhalten. Viele Menschen – und auch Medienkommentatoren – weisen darauf hin, dass die Blaukrabbe essbar ist. Das Bewusstsein in der Öffentlichkeit dafür, dass sie ein Problem darstellt, ist kaum ausgeprägt – man kann sie ja einfach fangen und essen!

Doch ein Ökosystem, das nur aus Muscheln und Krabben besteht, ist nicht gesund. Eine geringe Biodiversität ist wie eine offene Wunde – das ¨Okosystem hat keine Abwehrkräfte. Die Lösung besteht darin, das natürliche Gleichgewicht wiederherzustellen, und mehrere Projekte arbeiten bereits in diese Richtung.

In der Adria arbeite ich außerdem mit einer Seepferdchen-Auffangstation zusammen, die vom Forschungszentrum für den Schutz von Lebensräumen (CESTHA) in Ravenna betrieben wird. CESTHA hat eine Vereinbarung mit lokalen Fischern, die gelegentlich Seepferdchen als Beifang in ihren Netzen finden. Die Fischer bringen die Seepferdchen zur Auffangstation, wo sie mit einem unter UV-Licht sichtbaren Elastomer markiert werden, bevor man sie wieder freilässt. Wird ein Seepferdchen erneut gefangen, liefert dies den Forschern Informationen über Migrationsverhalten und Populationsdichte der Art.“

Pietro hat noch mehr über Seepferdchen und das Wachstum des Tauchens zu sagen – diesmal mit Blick auf Asien.

„In einigen Apotheken in Hongkong findet man noch immer Paracetamol und getrocknete Seepferdchen im selben Regal. Doch mit der Zeit verändert sich die Wahrnehmung des Meeres als Lebensraum. Das Gerätetauchen und Tauchmagazine leisten gute Arbeit, um das Bewusstsein zu schärfen. Sowohl die Geschichte über die Seepferdchen als auch die über die Blaukrabbe wurden kürzlich in chinesischen Magazinen veröffentlicht. Die Verlage geben Aufrufe zum Naturschutz gerne an ihr Publikum weiter.“

Abschließende Fragen

Gibt es eine Art des Tauchens oder eine Umgebung, die du besonders bevorzugst?

„Ich mag alle Formen des Tauchens, aber Nachttauchen ist etwas Besonderes. Man sieht Dinge, die man tagsüber nicht sieht, zum Beispiel Petersfische, die auf dein Licht zukommen. Ich schwimme gern mit einer Lampe zwischen Felsen hindurch. Die Schatten verändern sich, die Szenerie wandelt sich – besonders zwischen Korallenpfeilern im Roten Meer. Man kann beobachten, wie Tiere fressen.“

Du organisierst Reisen und gibst Fotokurse. Welchen Rat würdest du einem Anfänger geben?

„Kümmere dich zuerst um deine Tarierung. Und wechsle deine Kameraausrüstung nicht zu häufig.“


Pietro Formis ist Botschafter für Beuchat und Marelux, arbeitet mit Sony Italien bei Veranstaltungen zum Thema Unterwasserfotografie zusammen und ist Kreativpartner von EIZO, deinem weltweit führenden Anbieter von professionellen Bildschirmen für Fotografie. Vor allem aber ist er seit seinem ersten Tauchgang Mitglied bei DAN Europe.

Website: www.pietroformis.com


Der Übersetzer

Tim Blömeke unterrichtet Tech- und Rebreather-Tauchen in Taiwan und auf den Philippinen. Er ist Autor und freier Übersetzer, sowie Mitglied des Redaktionsteams von Alert Diver. Im Netz erreicht man ihn über seinen Blog und auf Instagram.

Der Autor

Claudio Di Manao

Claudio Di Manao ist PADI und IANTD Tauchausbilder und seit 1997 DAN Mitglied. Er ist Autor verschiedener Bücher und Romane über das Tauchen, u.a. Shamandura Generation, einem aufregenden Portrait der Tauch-Community in Sharm el Sheik. Er arbeitet für Magazine, Radiosender und Zeitungen und spricht bzw. schreibt über Tauchsicherheit, Meereslebewesen und Reisen.

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